file

Schluss mit Beauty-Marketing: Eindringtiefe, Wellenlänge und was physikalisch wirklich ankommt

Manchmal merke ich erst beim Scrollen, wie sehr mein Kopf in zwei Welten lebt.

Die eine Welt ist Beauty: schöne Bilder, große Worte, „wirkt tief“, „High-Tech“, „wie im Studio“.

Die andere Welt ist Physik: Energie kann nicht zaubern. Sie kann nur eingekoppelt, transportiert, absorbiert und verteilt werden. Und genau da entscheidet sich, was an der Haut überhaupt physikalisch ankommt – bevor man überhaupt über Biologie sprechen darf.

Wenn du marketingkritisch bist, ist das keine schlechte Eigenschaft. Es ist ein Hinweis auf eine offene Frage: Welche messbaren Größen stehen hinter dem Versprechen?

In meinem Video erkläre ich dir, warum ich als Physikerin bei Beauty-Geräten nachrechne und welche typischen Denkfehler in Werbetexten stecken.

👉 Zum Video:

Beauty-Geräte & Physik: Warum „klar definieren als Absorptionslänge/1/e-Abfalllänge, optische Transportlänge oder thermische/electromagnetische Skin-Tiefe je nach Mechanismus“ der erste Prüfstein ist

Viele Geräte-Versprechen laufen implizit auf eine Idee hinaus: „Die Energie kommt dort an, wo sie etwas verändern soll.“ Physikalisch ist das ein Transportproblem.

Du kannst es dir wie eine Checkliste vorstellen:

1) Welche Energieform wird genutzt? Typisch sind Licht (bestimmte Wellenlängen), Wärme (Temperaturerhöhung) oder elektrische Felder/Ströme.

2) Wie wird diese Energie in die Haut eingekoppelt? Ein Teil wird an der Oberfläche reflektiert, ein Teil sofort absorbiert, ein Teil kann weiter in das Material (Gewebe) hinein gelangen.

3) welches Intensitäts-/Fluenzraten-/Temperatur-/Feldstärkeprofil ergibt sich in Abhängigkeit von Tiefe und Zeit Genau hier sitzt das Wort Eindringtiefe. Es geht nicht um „gefühlt tief“, sondern um eine abnehmende Energiedichte: Was bleibt nach Absorption und Streuung übrig?

Die Kernaussage ist simpel: ohne hinreichenden lokalen Energieeintrag/Feldstärke/Temperaturänderung am Ort kann ein spezifischer energiegetriebener Effekt dort nicht auftreten Das ist keine Aussage über Biologie – nur eine harte physikalische Grenze des Möglichen.

Wellenlänge & Absorption: Was eine Angabe (nicht) bedeutet

Bei lichtbasierten Geräten ist die Wellenlänge einer der zentralen Parameter. Denn sie beeinflusst, wie stark Licht in Material absorbiert und gestreut wird. Daraus folgt eine bestimmte Eindringtiefe als charakteristische Längenskala (z.B. 1/e), keine harte Grenze

Wichtig: Eine Wellenlängen-Angabe allein ist noch kein Beweis, dass „genug“ Energie in einer bestimmten Tiefe ankommt.

Dafür fehlen in Marketingtexten sehr oft weitere messbare Angaben, zum Beispiel:

Bestrahlungsstärke/Leistungsdichte (W/m²) und Expositionszeit; J/cm² nur bei definierter Fläche, Pulsdauer, Wiederholrate und Messort

Und selbst wenn du eine Einheitenangabe findest, bleibt die Frage: Wurde sie am Gerät-Ausgang gemessen oder auf der Haut? Zwischen Quelle und Gewebe liegen Kopplungsverluste, Geometrie, Abstand, Anpressdruck, optische Verluste durch Abdeckung usw.

Genau deshalb habe ich im Video eine klare Haltung: „Nicht jede angegebene Wellenlänge garantiert, dass die Energie tatsächlich in tiefere Hautschichten transportiert wird.“ Das ist keine Skepsis aus Prinzip, sondern schlicht das, was aus Absorption/Transport folgt.

Absorption, Wärmeleitung, elektrische Felder: Drei Mechanismen, drei Fragen

Marketing mischt gern Begriffe, als wäre „Energie“ ein einheitlicher Zauberstoff. Physikalisch brauchst du aber den Mechanismus, weil sonst keine Prüfung möglich ist.

1) Lichtabsorption
Hier ist die Kernfrage: Wie schnell nimmt die Intensität mit der Tiefe ab? Parameter sind u.a. Wellenlänge, Absorptions- und Streueigenschaften des Materials (Gewebe) und die tatsächlich eingestrahlte Intensität.

2) Wärmeleitung
Wärme ist kein Strahl, der „durchgeht“, sondern ein Transport durch Temperaturgradienten über Zeit. Parameter sind u.a. Temperaturdifferenz, Einwirkzeit und thermische Leitfähigkeit. „Spürbar warm“ sagt nur etwas über Oberflächennähe und Nervenwahrnehmung – nicht automatisch über Temperatur in der Tiefe.

3) Elektrische Felder/Ströme
zusätzlich: Geometrie/Elektrodenkonfiguration, Impedanz, Randbedingungen; Feld-/Stromverteilung im Gewebe ist stark modell- und kontaktabhängig Auch hier gilt: Ohne messbare Angaben zur Feld- oder Stromverteilung bleibt vieles Behauptung. Und: Eine technische Feldwirkung ist nicht gleichbedeutend mit einer gewünschten biologischen Reaktion.

Physik vs. Biologie: Die saubere Grenze, die dich vor „Wirk“-Worten schützt

Das ist mir wichtig, weil Beauty-Kommunikation diese Grenze oft verwischt:

Physik beschreibt Energieeintrag, Verteilung, Absorption, mechanische/elektrische Belastungen, Temperaturfelder – also Größen, die messbar und berechenbar sind.

Biologie beschreibt die Reaktion eines lebenden Systems darauf. Diese Reaktion ist nicht direkt aus Physik ableitbar. Physik kann Bedingungen notwendig machen („ohne Energieeintrag keine Wirkung“), aber selten hinreichend („mit Energieeintrag garantiert Wirkung“).

Wenn du diese Trennung einmal klar im Kopf hast, kippen viele Werbesätze automatisch in eine präzisere Frage: Welche Dosis erreicht welche Tiefe über welchen Mechanismus?

Klinische Primärquellen: Wo du belastbare Daten erwartest

Ein weiterer Punkt aus dem Video: Marketingversprechen beruhen oft nicht auf physikalisch überprüfbaren oder klinisch belegten Daten zur Energieübertragung in die Haut.

Wenn es gute Daten gibt, findest du sie typischerweise nicht in Werbetexten, sondern in klinischen Primärquellen oder technischen Messungen: Wie wurde die abgegebene Energie gemessen? Unter welchen Bedingungen? Welche Geometrie, welcher Abstand, welche Einwirkzeit?

Das ist nicht „elitär“, sondern praktisch: Ohne Mess- und Rahmenbedingungen kannst du keine Aussage einordnen.

Denk-Mehrwert: Ein Mini-Prüfschema, das du sofort anwenden kannst

Wenn du das nächste Mal ein Gerät siehst, das „tief“ verspricht, nimm dir gedanklich 20 Sekunden:

1) Energieform: Licht? Wärme? Elektrisches Feld?

2) Parameter: Wellenlänge (bei Licht), Leistung/Dosis, Einwirkzeit, Distanz/Anpressdruck.

3) Mechanismus: Absorption/Streuung, Wärmeleitung, Feldverteilung.

4) Grenze: unter Annahme, dass der relevante Effekt proportional zur lokalen optischen Leistungsdichte ist; Streuung kann Energie verteilen, aber nicht ohne Dämpfung

Das Ziel ist nicht, dass du „alles ausrechnest“. Das Ziel ist, dass du erkennst, wo Physik endet und wo Marketing anfängt – und damit Überinvestitionen vermeidest, die auf nicht fundierten Wirkprinzipien beruhen.

Wenn du willst, schreib mir in die Kommentare: Bei welchem Gerät oder Claim würdest du gern einmal die physikalische Seite sauber auseinanderziehen? Ich sammle solche Beispiele gern für weitere Analysen.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert